Was ist eigentlich Hyposensibilisierung?

Am 1. September 2007, in Fragen und Antworten, von StarBuG

Mit einer Hyposensibilisierung, auch Desensibilisierung oder Spezifische Immuntherapie genannt, soll die Wirkung von Allergenen bei Allergikern herabgesetzt werden. Dabei verabreicht man einem Patienten, der unter einer Allergie leidet, anfangs sehr geringe und im Verlauf zunehmende Dosen des Allergens, das ihn beeinträchtigt, um eine Toleranz zu erzeugen. In der neueren Literatur wird zunehmend die Bezeichnung Spezifische ImmunTherapie (SIT) verwendet.

Die Hyposensibilisierungstherapie wird vor allem bei klinisch relevanten Sensibilisierungen (z.B. bei Heuschnupfen bzw. saisonale allergische Rhinitis gegenüber Gräserpollen (Roggenpollen), Birkenpollen (Haselpollen, Erlenpollen), Beifußpollen, Hausstaubmilben, sowie evtl. Tierhaaren (insbesondere Katzenhaare) und Allergien gegen Insektengifte) durchgeführt.

Anwendung der Hyposensibilisierung

Bei der Hyposensibilisierung wird das Allergen in mit der Zeit steigender Dosis verabreicht, damit sich das Immunsystem daran gewöhnen und die Bildung von Antikörpern reguliert werden kann. Die fein in einer Lösung verteilten hochgereinigten Allergene werden vorsichtig subcutan gespritzt. Hochgereinigt bedeutet, dass nicht der komplette – beispielsweise Graspollen – Extrakt verwendet wird, sondern nur die allergieauslösenden Anteile (besondere Proteine) verabreicht werden.
Als Tropfen oder in Tabletten (nur für Gräserpollenallergiker) kann das Allergen auch über die Schleimhäute im Mund, besonders unter der Zunge aufgenommen werden (orale Hyposensibilisierung). Dies wird zunehmend als SLIT – SubLinguale ImmunTherapie bezeichnet.
Eine Hyposensibilisierungstherapie dauert meistens 2-3 Jahre.

Der Goldstandard ist bisher (2007) die subkutane Hyposensibilisierung.

Wie wirkt die Hyposensibilisierung?

Allergien werden über Immunglobuline der Klasse E (IgE) vermittelt. IgE bindet das Allergen und kann dann an Mastzellen binden, die auf Ihrer Oberfläche Rezeptoren für IgE besitzen. Dies führt zur Freisetzung von Histamin und anderen Zytokinen und proinflammatorischen Substanzen.

Durch die langsam in der Dosis ansteigende und wiederholte Exposition mit dem Allergen hofft man, einen sog. Isotypenswitch in den Antikörper-produzierenden B-Zellen zu erreichen. IgE ist ein Isotyp; der Switch soll zum IgG führen. Der IgG-Klasse gehören die meisten im Blut nachweisbaren Antikörper an; bindet es sein Epitop, wird eine zellvermittelte Aktivität des Immunsystems induziert, wie sie für die Abwehr von Bakterien üblich ist. (z.B. Eliminierung durch “Auffressen” durch Makrophagen)

Auf diese Weise werden die Allergene einerseits bereits erkannt und abgeräumt, bevor sie IgE binden können und zu allergischen Beschwerden führen; und andererseits werden zu Gunsten der entsprechenden IgG weniger IgE-Antikörper produziert.

Der Unterschied zur natürlichen Exposition mit dem Allergen liegt in der äußerst geringen Anfangsdosis. Während z.B. ein Pollenallergiker während “der Saison” einer hohen Dosis seines Allergens ausgesetzt ist, die eine überschießende Aktivität der T-Helfer-Zellen vom Typ 2 (TH2) mit der oben beschriebenen IgE-Antwort auslöst, stimuliert man mit sehr niedrigen Dosen offenbar eher T-Helfer-Zellen vom Typ 1 (TH1) und damit die Induktion eines Isotypenswitchs.

Zahlreiche Studien zur klinischen Wirksamkeit bei allergischer Rhinokonjunktivitis zeigen eine Reduktion der Beschwerden bzw. des Medikamentenverbrauchs um 45%. Die Mehrheit der Studien wurde mit Erwachsenen durchgeführt, wobei davon auszugehen ist, dass bei Kindern die Erfolgsaussichten eher höher als niedriger sind. In der Allergieambulanz der Kinderklinik der Johann-Wolfgang-Goethe Universität Frankfurt am Main führen wir schon seit einigen Jahren sehr erfolgreich Hyposensibilisierungen bei Kindern mit allergischem Asthma bronchiale durch.

Risiken der Hyposensibilisierung

Die Hyposensibilisierung birgt prinzipiell ein Behandlungsrisiko, da die Behandlung darin besteht, den Patienten bewusst der allergieauslösenden Substanz auszusetzen. Manchmal ist eine heftige Lokalreaktion möglich, die sich durch wenige Tage währendes (starkes) Anschwellen der weiteren Injektionsregion und die Bildung von Quaddeln äußert. Beide Reaktionen sind jedoch weniger gefährlich und können durch Gabe entzündungshemmender Substanzen oder Antihistaminika abgeschwächt werden. Weitere Nebenwirkungen können in einer allergischen Reaktion auf das Allergen in ihrer jeweiligen Form bestehen, z.B. Atemnot, Niesanfälle, starker Juckreiz, etc.. Selten ist der gefährliche allergische Schock. Bei einer falschen Dosierung, mangelhafter Injektionstechnik oder auch ohne erkennbaren Grund besteht die Gefahr dieses allergischen Schocks. Um dieser Gefahr begegnen zu können, erfolgt die ambulante Hyposensibilisierung in der Weise, dass der Patient nach der Injektion des Allergens für mindestens 30 Minuten unter ärztlicher Aufsicht verbleibt. Im Falle eines allergischen Schocks können dann vom Arzt rettende Gegenmaßnahmen eingeleitet werden.

Bei der sublingualen Hyposensibilisierung hingegen sind bisher keine gefährlichen Komplikationen aufgetreten. Nebenwirkungen können z.B. brennen oder anschwellen der Lippen bzw. Schleimhäute sein. Da sich im Mundraum und auf den Lippen nicht selten kleinste Wunden oder Risse befinden, können die Allergene, wenn sie mit diesen in Berührung kommen, zu vorübergehenden Quaddeln bzw. einer Anschwellung der Lippe führen.

Wann sollte eine Hyposensibilisierung durchgeführt werden?

Eine subkutane Hyposensibilisierung wird begonnen, wenn die natürliche Belastung durch das Allergen möglichst niedrig ist. Im Falle von Pollenallergien bedeutet dies beispielsweise, dass die Behandlungszyklen der Hyposensibilisierung in den Sommer (bei Frühblüherallergien) bzw. Herbst und Winter (bei Gräserpollenallergien) gelegt werden, da in dieser Zeit kein Pollenflug stattfindet (= präsaisonaler Therapiebeginn). Heutzutage wird auch in der Zeit des Pollenfluges weiter hyposensibilisert (jedoch in dieser Zeit mit verringerter Dosis), da somit die Erfolgsraten deutlich gesteigert werden, ohne dass sich das Behandlungsrisiko erhöht.

Die sublinguale Hyposensibilisierung kann wegen der meist deutlich kürzeren Titrationsphase auch noch sehr kurz vor Beginn des Pollenfluges begonnen und während der jeweiligen Pollenflugsaison fortgesetzt werden.

 

9 Kommentare zu Was ist eigentlich Hyposensibilisierung?

  1. Martin sagt:

    Sehr guter Beitrag! Eine Frage hätte ich aber mal…
    Ich bekomme eine Hyposensibilisierung seit 1,5 Jahren. Im letzten (und ersten) Sommer wurde die Hyposensibilisierung ausgesetzt. Aber warum?
    Sie schreiben die Dosis müsste verringert werden, bei mir wurde aber gar nicht weiter gespritzt. Die Begründung war, dass die Belastung aufgrund meiner allergischen Symptome zu hoch wäre. Ich frage mich aber, wer denn dann überhaupt im Sommer gespritzt werden kann? Die Symptome verschwinden doch nicht nach nur ein paar Monaten spritzen?

    Nach 1,5 Jahren merke ich subjektiv keinen Unterschied. Wie hoch sind die Erfolgschancen dass da noch irgendwas besser wird? (Ich bin 24 und bis jetzt nahm die Allergie jedes Jahr zu. Ich habe bei Birke, Erle, Gräsern und Roggen Stufe V – VI).

    Gruß und DAnk! :)

  2. StarBuG sagt:

    Hallo Martin,

    generell wird eine Hyposensibilisierung dann durchgeführt, wenn keine zusätzliche Belastung durch das Allergen von Außen zu erwarten ist (falls möglich). Da Sie gegen Gräserpollen allergisch sind, wird man bei ihnen im Sommer auf die Hyposensibilisierung verzichten.
    Würde bei ihnen eine Hyposensibilisierung auf Birke durchgeführt, wäre März bis Mai der Zeitraum, in dem keine Hyposensibilisierung durchgeführt werden würde.

    Generell sollte schon nach dem ersten Jahr der Hyposensibilisierung ein gewisser Unterschied zu spüren sein. Allerdings reagiert jeder Mensch anders und es gibt keine 100%igen Erfolgschancen. Manche Menschen reagieren besser auf die Hyposensibilisierung, Andere brauchen mehrere Jahre um eine Besserung zu erfahren.

    Ich würde ihrem Arzt da Vertrauen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Michael Scheel

  3. Cynthia sagt:

    Hallo,

    Ich habe eine Frage, und zwar habe Ich letztes Jahr im September eine Desensibilisierung gegen Gräser und Roggen begonnen.
    Einen Monat davor habe Ich von meinem Lungenfacharzt Viani verschrieben bekommen, was Ich heute auch regelmäßig nehmen soll.
    Da Ich Anfang Januar einen Kreislaufzusammmenbruch hatte und jetzt zusätzlich um den Kreislauf stabil zu halten 1/4 Tablette Bisohexal 5 mg(Betablocker)täglich einnehmen.
    Bei meiner letzten Spritze von der Desensibilisierung wurde mein Arm das erste mal nach nach ein paar Monaten wieder richtig dick und blieb auch eine Woche so.
    Kann es sein das sich der Betablocker in gewisser weise auf die Desensibilisierung und ebenso auf Viani wirkt?

    Grüße

  4. StarBuG sagt:

    Das dein Arm nach der Desensibilisierung angeschwollen ist, ist wahrscheinlich eine normale allergische Reaktion.

    Interaktionen zwischen Betablocker und dieser Reaktion sind mir nicht bekannt.

    Ich würde mich bei der nächsten Desensibilisierung mal mit deinem behandelnden Arzt unterhalten

    Gruß

    Michael Scheel

  5. [...] zu unterziehen. Sie kann noch rechtzeitig abgeschlossen werden, anders als die übliche Hyposensibilisierung gegen eine Allergie, die sogar mehrere Jahre dauern kann. Zu einer derartigen [...]

  6. VIK sagt:

    Guten Tag

    Ich reagiere sehr stark allergisch auf Katzenhaare, aber auch Staub (Milben) und diverse Pollen. Ich kenne viele Leute, die Katzen besitzen und deshalb ist es für mich sehr störend, weil ich nach jedem Besuch bei meinen Freunden mindestens 2-3 Tagen brauche um mich von den allergischen Reaktionen zu erholen. Das letzte Mal hatte ich starkes Fieber und leichtes Athma, obwohl ich nur eine Viertelstunde im selben Raum war wie die Katzen. Darum habe ich mir überlegt eine Hyposensibilisierung zu machen. Ich wollte wissen ob dies Sinnvoll ist. Dazu möchte ich wissen ob es möglich wäre gleichzeitig eine Hyposensibilisierung gegen Katzenhaare und Hausstaubmilben zu machen?

    Liebe Grüsse
    und danke

  7. StarBuG sagt:

    Hallo Vik

    dies ist eine Frage, die du am besten mit deinem Arzt bzw. dem Allergologen, der die Hyposensibilisierung durchführt besprechen musst.

    Gruß

    Michael Scheel

  8. Franzi sagt:

    Hallo,

    ich hatte letzte Woche nach der Hypo-Injektion gegen Gräser u. Roggen eine allergische Reaktion mit Ausschlag und Atemnot (insp. Stridor),

    Muss ich die Therapie nun wirklich abbrechen?

    Welche Form der lokalen Hautreaktion ist vertretbar?

    Danke!

  9. StarBuG sagt:

    Hallo Franzi,

    das es zu einer allergischen Reaktion nach Hyposensibilisierung kommt ist nicht ungewöhnlich.
    Bei einer starken allergischen Reaktion mit Luftnot sollte eine weitere Steigerung der Dosis
    aber nur sehr vorsichtig geschehen. Am besten du sprichst noch einmal mit deinem
    Allergologen über das weitere Vorgehen.

    Gruß

    Michael

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